Weniger ist mehr

Weniger ist mehr

Weshalb weniger Reize unser Gehirn zufriedener machen

Ein Klick im Online-Shop, ein Gefühl der freudigen Erwartung. Kurze Zeit später halte ich die neue Bluse in Händen. Sie passt! Wohlige Zufriedenheit durchflutet mich, die ein paar Tage darauf einer diffusen Unruhe weicht. Vielleicht doch noch den passenden Rock dazu, den mir Google wiederholt mit verlockenden Bildchen anpreist, wenn ich in der digitalen Welt des Smartphones unterwegs bin? Bei der fünften Begegnung mit dem Werbebildchen auf dem Display, während ich eigentlich etwas ganz anderes nachschauen will, ist es vorbei mit der Selbstbeherrschung. Ein erneuter Klick, ein erneutes kurzes Rauschgefühl, und ein paar Tage später halte ich auch den Rock in meinen Händen. Ein paar zufriedene Drehungen vor dem Spiegel, dann langsam die Gewöhnung. Nach einer Woche ist das neue Outfit schon zur Selbstverständlichkeit geworden. Ach ja, brauchte ich nicht auch noch ein paar Stiefel...?

 

Und so ließe sich die Kette aus Begehrlichkeiten und deren Befriedigung schier endlos fortsetzen.

 

Dabei ist der Prozess, der hierbei in unserem Gehirn abläuft, ursprünglich ein raffinierter Mechanismus der Evolution. Bei einem als positiv bewerteten Reiz schütten bestimmte Nervenzellen den Belohnungsbotenstoff Dopamin aus. Zudem wird der Botenstoff GABA freigesetzt, der bei Bindung an die entsprechenden Rezeptoren in den Nervenzellen eine beruhigende, wohlig-entspannte Wirkung hat. So nutzte der Urmensch vorhandene Ressourcen, z. B. Nahrung, optimal aus.

 

Je mehr Reize vorhanden sind, desto schneller entleeren sich allerdings auch die Speicher mit den Belohnungsbotenstoffen und desto stärker stumpfen die Rezeptoren ab. D. h. es wird mit der Zeit weniger Dopamin und GABA ausgeschüttet, so dass die Bedürftigkeit nach neuer und stärkerer Stimulation steigt. Dadurch sicherte die Natur in Zeiten von Überfluss, dass möglichst viel Nahrung aufgenommen und die positiven Reizquellen optimal ausgenutzt wurden. In Mangelzeiten konnten sich die Dopamin-Speicher dann wieder füllen, so dass in guten Zeiten genug Belohnungsstoff zur Verfügung stand, der das Individuum zum Handeln und Nutzen der Ressourcen motivierte.

 

In unserer Überflussgesellschaft ist Mangel allerdings mittlerweile ein Fremdwort. Unser Belohnungssystem wird durch das unermessliche Angebot an Möglichkeiten andauernd stimuliert. Der Kurztrip nach Paris, oder doch besser eine Woche Mallorca? Das neue Tablet, die neue Spielkonsole, das Schnäppchen-Angebot im Media Markt…

 

Auf überraschende und unerwartete Reize reagiert unser Belohnungssystem übrigens besonders stark. Dies ist die Masche der Schnäppchen- und Sale-Angebote. Der Satz „Nur für kurze Zeit“ lässt unsere Dopaminausschüttung allein aufgrund der Vorerwartung auf ein tolles und nur begrenzt zu habendes Erlebnis in die Höhe schnellen. Evolutionär gesehen durchaus sinnhaft, um eine unerwartet auftauchende Ressource möglichst umgehend zu nutzen. Aufgrund der vermehrten Entleerung der Belohnungsspeicher und des Abstumpfens der Rezeptoren, an die die Belohnungsstoffe binden, erzeugt die Befriedigung durch einen starken Reiz allerdings sofort das Bedürfnis nach weiterer Stimulation, die weitaus stärker sein muss als die erste. Nur so sind die Rezeptoren überhaupt noch zu einer Reaktion zu bewegen.

 

Also eben doch unbedingt noch der Rock zur Bluse, und Mallorca dieses Jahr auf jeden Fall mit zusätzlichem Bootsausflug und Surfkurs. Hieraus entsteht die Gier nach immer neuen und stärkeren Reizen, denn das Gehirn gewöhnt sich auch an das schönste Erlebnis. Wer jedes Jahr auf die Malediven fährt, empfindet das türkise Wasser irgendwann als normal, seine Belohnungsspeicher sind entleert und das Gefühl, einen anderen und noch aufregenderen Kick zu brauchen, will einfach nicht weggehen. Im Gegenteil: sind die Speicher entleert, kann auch der beruhigende Botenstoff GABA nicht mehr an die mittlerweile abgestumpften Rezeptoren anbinden, so dass uns eine innere Unruhe erfasst, die mit der Jagd nach neuen Inputs bekämpft wird, welche die Belohnungsspeicher noch weiter entleeren.

 

Ein wahrer Teufelskreis entsteht. Letztlich bleiben wir unzufrieden und im wahrsten Sinne leer zurück. Ursprünglich diente dieser Mechanismus unserem Überleben. Mutter Natur motivierte den Urzeitmenschen durch innere Unruhe aufgrund des Mangels an GABA dazu, aktiv zu werden und neue Ressourcen zu suchen. Heutzutage hat sich unser Gehirn allerdings an Dauerinput gewöhnt. Studien haben ergeben, dass manche Menschen im Schnitt alle 11 Minuten einen neuen Stimulus brauchen, d. h. aufs Handy schauen müssen, die Schlagzeilen in Spiegel-online überfliegen, etwas in facebook posten etc., da sie sich ansonsten gelangweilt fühlen. Der Mangel an belohnenden Botenstoffen, die aufgrund von Überstimulation bereits zum Großteil verbraucht wurden, führt zu innerer Unruhe und zur dauernden Suche nach neuen, stärkeren Reizen.

Wie kann man dem entgegenwirken?

Was uns in der Tat fehlt, ist Mangel. Ja, Sie haben richtig gelesen, Mangel! Mangel bzw. Verzicht ist das wohltuende Regularium, damit sich die Dopamin-Speicher wieder auffüllen und der entspannende, beruhigende Botenstoff GABA ausgeschüttete werden kann. Mangel, oder anders ausgedrückt Beschränkung, ist die Grundlage für Kreativität und intensives Glückserleben. Erst, wenn unsere Speicher wieder gefüllt sind, erleben wir selbst kleine Reize als beglückend und sehr intensiv. Daher kann jemand, der zum ersten Mal nach langer Krankheit (Verzicht/Beschränkung) wieder einen Spaziergang im Stadtpark macht, diesen möglicherweise viel intensiver erleben als jemand, der wie jedes Jahr, auf seiner Yacht um die Malediven schippert.

 

Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang an eine Jugendfreizeit in der 10. Klasse, bei der ich auf eine Menge leckerer Dinge verzichten musste, die zuhause immer vorrätig waren. An den Genuss des ersten Fruchtjoghurts nach meiner Wiederkehr erinnere ich mich noch heute... 

 

Was bedeutet dies nun für Ihren Alltag?

Schon der antike Philosoph Epikur wusste, dass Glück und Zufriedenheit eher im Aufgeben von Wünschen und Begehrlichkeiten als in deren Erfüllung liegt. Üben Sie sich in Verzicht! Legen Sie Ihr Handy und andere digitale Geräte für eine gewisse Zeit am Tag weg, tun Sie einfache Tätigkeiten aber tun sie sie bewusst (Spazierengehen, Abwaschen, mit ihrem Kind einen Legoturm bauen,...) Bleiben Sie mit der Aufmerksamkeit im Hier und Jetzt. Somit erleben Sie das, was Sie gerade tun, viel bewusster und intensiver. Sie verpulvern somit nicht ihr gesamtes Dopamin für immer stärkere und häufigere Reize, sondern sparen es auf und können die kleinen Momente wieder besser wahrnehmen und genießen.

 

Mit vollen Dopamin-Speichern kann selbst der Abwasch zum Erlebnis werden. Dies ist das Geheimnis der Achtsamkeit: Genieße und tue bewusst, was Du gerade tust. Dann bekommt es eine andere Erlebnisqualität.

 

In diesem Sinne wünsche Ich Ihnen viel Freude beim Neuentdecken der einfachen Dinge.

 


Quelle: Ingo Schymanski: „Im Teufelskreis der Lust“ 


Natalie Roemer

Natalie Roemer

Beraterin, Fürstenberg Institut


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