Pflegen auf Distanz

Herausforderung Pflegen und Distanz

Angehörige mit Pflegeverantwortung zu sein, ist eine große Herausforderung und geschieht oftmals im Verborgenen. Rund 3 Mio. Pflegebedürftige erhalten ambulante Leistungen aus der Pflegeversicherung. Um diese Menschen kümmern sich etwa 4,4 bis 5,4 Millionen Personen, überwiegend im erwerbsfähigen Alter - der “größte Pflegedienst der Nation”. Nach Aussagen des OECD wird jeder mindestens einmal im Leben zur “informellen” Pflegeperson.

Eltern zu Kind, Kind zu Eltern, Partner aber auch Freunde oder Nachbarn begleiten auf vielfältige Weise den fließenden Prozess von der Hilfsbedürftigkeit zur anerkannten Pflegebedürftigkeit nach Pflegegesetzgebung.

Die Tätigkeiten sind vielschichtig. 82 % der Pflegepersonen unterstützen bei behördlichen und finanziellen Angelegenheiten, 79 % tätigen Einkäufe und helfen bei der Haushaltsführung. Weniger als die Hälfte leistet tatsächlich pflegerische Unterstützung oder Körperpflege. Aber nur diese werden finanziell unterstützt. Oft fängt das Kümmern damit an, dass man schwere Einkäufe, wie z.B. Getränkekisten, zunächst gemeinsam einkauft oder dies dem älteren Menschen ganz abnimmt. Auch Reinigungsarbeiten wie Fenster putzen oder schwere Gartenarbeiten werden nach und nach immer häufiger von der jüngeren Generation übernommen. Später kommt Unterstützung im Haushalt dazu und nicht selten auch die Koordination von Arzt- und Therapieterminen sowie die Organisation externer Dienstleister wie Pflegedienste.

Die meisten Pflegenden sind zwischen 40 und 85 Jahren alt. Dabei steigt die Unterstützungsquote bis zum Alter von 64 Jahren an. So unterstützt etwas ein Viertel aller Frauen zwischen 60 und 64 Jahren und ein knappes Fünftel der gleichaltrigen Männer andere Menschen aus Gesundheitsgründen.

Wer Mitte/ Ende 30 eine Familie gründet, dem kann ungefähr im Alter von 45 und 55 eine doppelte Belastung bevorstehen. Die eigenen Kinder sind noch unterstützungsbedürftig, aber zeitgleich wächst der Bedarf im nahen Umfeld, z.B. der Ursprungsfamilie, aktiv zu werden. Jedem 5. geht das so. Die Generation Sandwich

Wer nicht direkt betroffen ist, kann über sein Beziehungssystem indirekt betroffen sein, da z.B. der Partner beansprucht wird oder ein Elternteil den anderen umsorgt.

Pflege auf Distanz führt zu Überforderung

Dadurch, dass heute viele Menschen nicht mehr an ihrem Geburtsort oder in der Großfamilie leben, verschärft sich die Situation.

82 Prozent der Pflegenden im erwerbsfähigen Alter leben nicht im selben Haushalt mit der (pflege-)bedürftigen Person und versorgen auf Distanz. Sie sind Distance Caregiver und damit besonderen Herausforderungen ausgesetzt. Wenn der eigene Lebensmittelpunkt hunderte Kilometer entfernt ist, bleibt eine Überforderung der Eltern oft lange unentdeckt. Die kurzen Besuchszeitfenster reichen dann meist nicht aus, um einen Missstand zu erkennen und werden ungern mit Organisatorischem und unliebsamen Themen gefüllt. Oft werden zunächst Verantwortungsbereiche übernommen, bei denen eine physische Anwesenheit nicht unbedingt erforderlich ist. Das sind organisatorische, koordinierende und administrative Hilfen. Man motiviert, gibt Entscheidungshilfen, informiert und organisiert aus der Ferne. Teilweise fährt man zusätzlich an den Wochenenden zu den Eltern, um zum Beispiel ein Elternteil beim Duschen zu unterstützen. Nicht selten tritt die Pflegebedürftigkeit dann plötzlich und unerwartet auf, häufig durch einen Sturz oder eine schwere Erkrankung. Dann muss auf die Schnelle ein Hilfsnetzwerk aus der Ferne organisiert werden. Ist die Pflege organisiert, bleibt es weiter herausfordernd: Das ungute Gefühl, nicht mitzubekommen, wie es z. B. dem Vater oder der Mutter aktuell geht und nicht auf seine Bedürfnisse eingehen zu können, gleichzeitig aber aus der Ferne Entscheidungen treffen zu müssen, schwingt im eigenen Alltag immer mit und bedingt bei den meisten ein hohes Anspannungsniveau.

Für pflegende Angehörige ist es meist nicht leicht, die Pflege mit dem Privatleben und dem Beruf zu vereinbaren:

  1. Die Aufgabe ist zeitintensiv. Es bleibt weniger Raum für die Erfüllung eigener Bedürfnisse sowie für die anderen Familienmitglieder. Unzufriedenheit und Beziehungskonflikte sind oft die Folge. Soziale Kontakte werden reduziert und können zu Vereinsamung führen.
  2. Die Gesundheit des Pflegenden und das eigene Wohlbefinden können durch die körperliche und/oder psychische Belastung beansprucht werden. Es wird oft großer Druck und starke Angst empfunden, dass führt zu geistiger Anspannung und beeinträchtigt das Berufs- wie das Privatleben.
  3. Berufliche Aufgaben und Weiterentwicklung treten in den Hintergrund. Oftmals muss der Arbeitsumfang reduziert werden und es entstehen erhebliche Verzichtskosten. Die Teilnahme am Arbeitsleben ist reduziert.

Fehlende Anerkennung führt zu Unzufriedenheit

Untersuchungen zeigen, dass nicht die Pflegeaufgaben selbst die Unterstützer unzufrieden machen. Vielmehr leiden pflegende Angehörige unter der Vereinbarkeitsproblematik, der mangelnden Anerkennung und Sichtbarkeit – gesellschaftlich und innerhalb der eigenen Familie. Dies kann zu Streitigkeiten z.B. unter Geschwistern führen, wenn der eine mehr Zeit für die Pflege der Eltern investiert als die anderen.

In der Öffentlichkeit sichtbar werden die Leistungen der Helfer*innen kaum. Auf der anderen Seite führen sie oft zu emotionaler Überforderung, Frustration und Konflikten. Alte Familienkonflikte brechen auf, Schuldzuweisungen und Entzweiung sind dabei keine Seltenheit.

Was können Sie als pflegende*r Angehörige*r tun? 

  • Lassen Sie sich beraten und informieren Sie sich frühzeitig, am besten vor Beginn der akuten Pflegesituation über die Hilfsangebote vor Ort, rechtliche und medizinische Gegebenheiten sowie finanzielle Unterstützungsmöglichkeiten.
  • Erstellen Sie am besten einen individuellen Versorgungsplan für Ihre Angehörigen. Als Mitarbeiter*in von Kundenunternehmen des Work-Life-Service des Fürstenberg Instituts ist eine umfassende unterstützende Beratung dazu für Sie jederzeit und unbegrenzt kostenfrei per Telefon, Online-Video-Chat oder persönlich möglich.
  • Sprechen Sie frühzeitig mit ihren älteren Angehörigen, fragen Sie sie nach den individuellen Vorstellungen und Wünschen, falls eine Pflege nötig werden sollte, und beziehen Sie am besten alle Beteiligten (z.B. Geschwister) mit ein.
  • Stärken Sie eigene Kompetenzen z.B. durch den Besuch von Pflegekursen und achten Sie auf frühe Anzeichen von Überlastung, Erschöpfung und Depression.
  • Schaffen Sie ein funktionierendes Netzwerk vor Ort, vor allem, wenn Sie selber nicht in der Nähe wohnen. Hierzu gehören neben verlässlichen Kontakten, ein Notfallmanagement oder auch die Einbindung von lokalen Dienstleistunsunternehmen. Denken Sie auch daran, dass Sie selber mal ausfallen könnten oder Auszeiten brauchen.
  • Elektronische Erinnerungshilfen, z.B. zur Medikamenteneinnahme, Apps zum planen und vernetzen aller Beteiligten, Ortungsgeräte oder Sturzerkennung können Entlastung und Sicherheit bringen.

Informationen und Unterstützung rund um das Thema Pflegende Angehörige erhalten Mitarbeiter*innen von Kundenunternehmen des Work-Life-Service von qualifizierten Fachberater*innen des Fürstenberg Instituts sowie im Kundenlogin-Bereich der Website.

Quellen

https://www.unece.org/fileadmin/DAM/pau/age/Policy_briefs/German/ECE-WG1-31-GER.pdf

https://www.dza.de/fileadmin/dza/pdf/factsheets/FactSheet_Inform_haeusl_Pflege.pdf (zuletzt aufgerufen 1.12.2020)


Autorinnen des Beitrags:

Maike Heinrich


Meike Heinrich

Beraterin Work-Life-Service des Fürstenberg Instituts

Sandra Wessel

Beraterin Work-Life-Service des Fürstenberg Instituts

Sandra Wessel


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