Selbstfürsorge

Hirnforscher Gerald Hüther: „Liebevoll zu sich selbst zu sein, ist die Voraussetzung für ein glückliches Leben“

Professor Gerald Hüther gehört zu den bekanntesten Hirnforschern Deutschlands. Und er ist Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des Fürstenberg Instituts. Der Neurobiologe versteht sich selbst als „Brückenbauer“ zwischen wissenschaftlichen Erkenntnissen und Lebenspraxis. Die entscheidende Zukunftskompetenz für ein friedvolles Zusammenleben sieht er hier begründet: in einem liebevollen Umgang mit sich selbst, mit anderen Menschen und mit anderen Lebewesen.

Statt perfekt zu funktionieren, kommt es in Zukunft darauf an, unsere verloren gegangene Lebendigkeit wiederzufinden

Von Gerald Hüther

Es mag auf den ersten Blick befremdlich klingen, aber liebevoll zu sein im Umgang mit sich selbst, mit anderen Menschen und mit anderen Lebewesen, wird sich als die entscheidende Zukunftskompetenz für die Gestaltung eines nachhaltigen und friedvollen Zusammenlebens erweisen. Es geht nicht mehr darum, ob wir das schaffen, sondern wann wir damit beginnen. Am besten gleich! 

Bis heute ist vielen Menschen noch immer nicht klar, wie leicht wir uns auf unserer Suche danach, wie das Leben geht, auch immer wieder verirren und in fatale Sackgassen geraten können. Die Vorstellung, mit unserer nackten Vernunft könnten wir alle Probleme der Welt lösen, war das Credo, mit dem das Zeitalter der Aufklärung seinen Siegeszug vor nun schon über dreihundert Jahren begonnen hatte. Die wissenschaftlich- technischen Errungenschaften, die durch den Einsatz des nackten Verstandes in diesem Zeitraum hervorgebracht wurden, sind so beeindruckend und so bestimmend für unser heutiges Leben geworden, dass es eine naheliegende Versuchung war, die kognitiven Fähigkeiten des Menschen in den Mittelpunkt unseres eigenen Selbstverständnisses zu stellen. Erst jetzt, angesichts der wachsenden Probleme auf der Welt, wird offenbar, dass wir mit Hilfe unseres nackten Verstandes nicht nur viele Probleme lösen, sondern auch sehr viele, bisher nicht dagewesene Probleme erzeugen können. Anstatt uns immer stärker mit allem Lebendigen zu verbinden, hat uns der Einsatz unserer kognitiven Fähigkeiten immer stärker von allem Lebendigen getrennt. Wir können inzwischen auf den Mond und womöglich bald auch auf den Mars fliegen. Aber wir schauen rat- und tatenlos zu, wie jeden Tag unvorstellbar viele Menschen verhungern, immer mehr Arten aussterben, Kriege angezettelt, Urwälder und Landschaften zerstört werden – das alles und noch viele andere lebensbedrohliche Entwicklungen verdanken wir dem Einsatz der kognitiven Fähigkeiten von Menschen. Offenbar hat uns die Vorstellung, mit dem nackten Verstand ließen sich alle Probleme dieser Welt lösen, in eine fatale Sackgasse geführt.

Glücklicherweise ist unser menschliches Gehirn so konstruiert, dass es zu jedem Zeitpunkt im Leben in der Lage ist, die bis dahin herausgeformten, das Denken, Fühlen und Handeln bestimmenden Nervenzellverschaltungen umzubauen und an neue Erfordernisse anzupassen. Im Gegensatz zu Robotern und Automaten verfügen wir Menschen über tief in uns angelegte lebendige Bedürfnisse. Sie sind aus unserer eigenen Lebendigkeit erwachsende Botschaften, die uns auffordern, dieses Lebendige in uns zu bewahren und ihm durch die Art und Weise, wie wir mit uns selbst und allem Lebendigen umgehen, Ausdruck zu verleihen. Dazu bedarf es keiner Vorstellung, das brauchen wir einfach nur zu tun. Zum Beispiel, indem wir etwas liebevoller mit uns selbst umgehen. 

Das aber fällt den meisten Menschen gegenwärtig noch sehr schwer. Zu fest hat sich in ihren Gehirnen die Vorstellung eingegraben, alle Probleme dieser Welt ließen sich mit dem Verstand lösen. Unser Verstand ermöglicht es uns, Vorstellungen davon herauszubilden, wie etwas gemacht werden muss, damit es zu dem gewünschten Ergebnis führt.
Aber er versagt kläglich, wenn es darum geht, unsere lebendigen Bedürfnisse zu stillen. Der Verstand weiß nicht und sagt uns auch nicht, worauf es im Leben ankommt. Er hat keine Ahnung von unseren wahrhaftigen menschlichen Bedürfnissen. Im Gegenteil, ihn können wir sogar benutzen, um diese lebendigen Bedürfnisse zu unterdrücken. Statt mit unseren festen Überzeugungen und Vorstellungen davon, worauf es im Leben ankommt, müssten wir uns wieder mit unserer eigenen Lebendigkeit verbinden, mit unserer Entdeckerfreude und 
Gestaltungslust, mit unserer Sinnlichkeit und unserem Körperempfinden, auch mit unserem Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Geborgenheit  im Zusammenleben mit anderen. Dann könnten wir endlich auch all das wiederfinden, was wir ja alle bereits mit auf die Welt gebracht haben und zumindest eine Zeitlang erlebt hatten, als wir 
noch kleine Kinder waren. Aber damals wussten wir ja noch nicht, wie rasch und wie nachhaltig wir diese uns ganz selbstverständlich erscheinende Lebendigkeit verlieren, indem wir den Vorstellungen unserer Eltern, Erzieher*innen und Lehrer*innen und all der anderen Menschen folgen, an denen wir uns orientiert haben. Dass wir dabei gezwungen waren, diese lebendigen Bedürfnisse in uns selbst zu unterdrücken, konnten wir damals noch nicht erkennen. Aber erstens ist es nie zu spät, um das, was wir damals verloren haben wiederzufinden und zweitens können wir unseren Kindern heute dabei helfen, all das, was sie lebendig macht, künftig nicht mehr unterdrücken zu müssen. Eine liebevolle innere Einstellung gegenüber sich selbst und gegenüber anderen kann ein Kind nur herausbilden, wenn es auch liebevoll auf seinem Weg ins Leben begleitet wird.

Liebevoll am Anfang 

Es mag für manche Eltern eine unbequeme Erkenntnis sein, aber ein liebevoller Umgang mit einem Kind beginnt bereits mit Verschmelzung des Spermiums mit einer Eizelle. Ist das, was die Eltern im Geschlechtsakt zusammenführt, wirklich das, was die Bezeichnung „Liebe“ verdient? Ist das dann möglicherweise entstehende Kind von ihnen gewollt, können es die werdenden Eltern, so, wie es ist, annehmen oder haben sie bereits eine Erwartung, eine mehr oder weniger präzise Vorstellung davon, was für ein Kind es werden soll? Möchten sie einem Kind das Leben schenken oder brauchen sie ein Kind, um selbst glücklich zu werden? Das sind schwierige Fragen, aber davon, wie sie die werdenden Eltern beantworten, hängt es ab, ob ihr Kind bereits von Ihnen zum Objekt ihrer Erwartungen, Ziele und Absichten gemacht wird, bevor es überhaupt zur Welt gekommen ist. Das ist kein guter Start. Es ist schwer, ein liebevoller Mensch zu werden, wenn man schon als kleines Kind nicht das gefunden oder geschenkt bekommen hat, was man so sehr gebraucht hätte. 

Dass es - und auch wie es – anders geht lässt sich bei vielen Müttern und Vätern der gegenwärtigen Elterngeneration beobachten. Sich gegenseitig liebevoll zu unterstützen beginnt für sie schon in der Geburtsvorbereitungsgruppe. Auch dass es immer mehr Eltern gibt, die ihr Neugeborenes „windelfrei“ aufwachsen lassen und Mütter, die ihr Kind stillen, solange es das braucht und die Säuglingsnahrung selbst zubereiten, wäre vor einigen Jahren noch unvorstellbar gewesen.

Liebevoll im Kindergarten 
Alles, was sie für ein glückliches und gelingendes Leben brauchen, bringen unsere Kinder ja schon mit auf die Welt. Ihre unglaubliche Entdeckerfreude und Gestaltungslust, ihr Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Verbundenheit, ihre absteckende Lebensfreude – all das braucht niemand zu wecken oder zu fördern. Es würde völlig ausreichen, wenn wir alles dafür täten, dass dieser Schatz unseren Kindern nicht verloren geht. Deshalb ist es gut, wenn Eltern ihre Kinder nicht allzu früh in Betreuungseinrichtungen bringen müssen. Dort sollte dann die Anzahl der von einer liebevollen Begleitperson zu betreuenden Kinder möglichst klein sein. Und natürlich sind Waldkindergärten besser geeignet, um Kindern die Möglichkeit zu bieten, selbst spielerisch auszuprobieren, was es in solch einer komplexen Welt draußen in der Natur alles zu entdecken und zu gestalten gibt, als alle noch so komfortabel eingerichteten und mit pädagogisch wertvollem Spielzeug ausgestatteten Kitas (was für eine lieblose Bezeichnung).

Liebevoll in der Schule 
Was während der Phase des Schulbesuchs und in der späteren Ausbildung künftig keinem heranwachsendem Kind mehr verloren gehen dürfte, ist die allen Kindern angeborene Freude am Lernen. Wie lange aber kann es ein Kind mit seiner angeborenen Lust am eigenen Gestalten ertragen, wenn ihm andere ständig zeigen, was er wie zu machen oder gar bis zu einem bestimmten Zeitpunkt zu erledigen hat? Ihm bleiben dann keine anderen Lösungen übrig, als die Unterdrückung seiner eigenen Entdeckerfreude und Gestaltungslust. Praktisch funktioniert das durch eine immer effektiver funktionierende Hemmung derjenigen neuronalen Verschaltungen im eigenen Gehirn, die diese Bedürfnisse hervorbringen und spürbar machen. Kinder, die das geschafft haben, können die Erwartungen ihrer Eltern, Erzieher*innen und Lehrer*innen ohne Murren und Aufbegehren erfüllen und all das Lernen, was ihnen beigebracht und all das ausführen, was von ihnen verlangt wird. Die meisten Heranwachsenden strengen sich an und bemühen sich, so zu werden, wie das die ihnen wichtigen Bezugspersonen von ihnen erwarten. Dann werden sie angenommen, gelobt und wertgeschätzt und dürfen dazugehören. Manche dieser Anpassungskünstler*innen bemühen sich dann ihr ganzes Leben lang darum, die Erwartungen anderer zu erfüllen, um deren Anerkennung zu erlangen. Nicht alle kommen später, wenn die Schule vorbei ist, wieder zur Besinnung, die meisten machen auch noch als Erwachsene so weiter und versuchen sogar, noch besser zu werden. Die Erwartungen, die früher ihre Eltern, Erzieher*innen und Lehrer*innen an sie gerichtet hatten, haben sie nun längst selbst verinnerlicht. Deshalb erwarten sie all das nun auch von sich selbst. Ihren Körper betrachten sie dabei entweder als ein lästiges Hindernis oder als ein zu optimierendes Werkzeug. Sie haben gelernt, lieblos mit sich selbst umzugehen, und deshalb verhalten sie sich auch lieblos zu anderen.

 

Gerald Hüther als Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Fürstenberg Instituts mit Werner und Reinhild Fürstenberg

Der wissenschaftliche Beirat des Fürstenberg Instituts (von li. nach re.): Prof. Dr. med. Joachim E. Fischer, Prof. Dr. Gerald Hüther, Werner Fürstenberg, Reinhild Fürstenberg

Liebevoll zu sich selbst zu sein, ist die Voraussetzung für ein glückliches Leben 

Allmählich beginnen immer mehr Menschen zu verstehen, dass es einen sehr einfachen und sofort umsetzbaren Weg zu einer solchen Verwandlung gibt. Ganz allgemein ausgedrückt geht es auf diesem Weg darum, sich wieder als Gestalter seines eigenen Lebens zu spüren, aus den jeweiligen Objektrollen, die sie oder er bisher so tapfer zu spielen übernommen hatte, in die eigene Subjekthaftigkeit zurückzukehren. Es würde völlig ausreichen, wenn ein Mensch, egal wie alt er ist und wie oft und wie sehr sie oder er sich im Leben schon verrannt hat, auf die Idee käme, einfach ab jetzt etwas liebevoller mit sich selbst umzugehen. Wer das macht, beginnt sich von ganz allein zu verwandeln. Einfach nichts mehr zu tun, was ihnen selbst nicht gut tut, ist das Geheimnis aller glücklichen und gesunden Menschen. Ob jemand sich dafür entscheidet, fortan etwas liebevoller zu sich selbst zu sein, lässt auch nicht viel Raum für endlose Diskussionen. Entweder sie oder er entschließt sich dazu und probiert es zumindest einmal aus. Oder auch nicht. Das bleibt einzig und allein dieser Person überlassen und hängt auch in keiner Weise davon ab, ob andere das ebenfalls tun. Allerdings wird jeder, der damit beginnt, etwas liebevoller mit sich selbst umzugehen, sehr schnell bemerken, dass sie oder er sich dann auch selbst lieber mag. 

Wer sich selbst zu mögen beginnt, fängt an, die Welt und die anderen Menschen mit anderen Augen zu betrachten: eben auch liebevoller. Und wer das erlebt, wird sich fortan darum bemühen, auch das Zusammenleben mit diesen anderen etwas liebevoller zu gestalten. Es hat lange gedauert, bis wir das verstanden haben, und es wird noch eine Weile dauern, bis wir es alle können. Aber auf die Welt, die wir dann liebevoll gemeinsam gestalten, dürfen wir uns schon heute freuen.



Prof. Dr. Gerald Hüther

 Prof. Gerald Hüther

Dieser Beitrag von Prof. Gerald Hüther ist auf FOCUS ONLINE erschienen.



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