

Das Big Five Modell der Persönlichkeit
Die menschliche Persönlichkeit ist vielschichtig und individuell – und genau deswegen ein faszinierendes Thema. Über die Jahre haben sich viele verschiedene Modelle zur Einordnung der Persönlichkeit etabliert. Das bekannteste und wissenschaftlich am besten fundierte Modell ist das der „Big Five“ oder auch das „Fünf-Faktoren-Modell“.
Was sind Persönlichkeitsmerkmale?
Als Persönlichkeitsmerkmale werden bestimmte Eigenschaften einer Person bezeichnet, die ihr Handeln, Denken und Fühlen maßgeblich beeinflussen. Diese Merkmale sind in der Regel überdauernd und stabil, d.h. sie verändern sich nicht grundlegend über die Zeit. Jemand der normalerweise offen für neue Erfahrungen ist, wird es also wahrscheinlich auch in 20 Jahren noch sein. Dennoch kann es durchaus sein, dass diese Merkmale sich je nach Situation unterschiedlich bemerkbar machen. Wenn man beispielsweise hoch belastet ist, dann kann auch ein Mensch, der sonst sehr harmoniebedürftig ist, gereizt reagieren. Die Veranlagung beeinflusst also unser Verhalten bis zu einem gewissen Grad, aber auch die Situation und der Kontext spielen eine wichtige Rolle.
Für Führungskräfte und HR-Verantwortliche ist das Wissen über Persönlichkeitsmerkmale besonders relevant: Wer versteht, warum Mitarbeitende in bestimmten Situationen so reagieren wie sie es tun, kann Kommunikation, Aufgabenverteilung und Teamdynamik gezielter gestalten. Persönlichkeitsmerkmale erklären keine Schwächen, sie beschreiben stabile Muster, mit denen Menschen die Welt wahrnehmen und auf sie reagieren.
Woher kommt das Big Five Modell?
Das Fünf-Faktoren-Modell hat eine über 90-jährige Forschungsgeschichte. Den Grundstein legten die US-amerikanischen Psychologen Gordon Allport und Henry Odbert, die in den 1930er Jahren systematisch persönlichkeitsbeschreibende Begriffe aus Wörterbüchern extrahierten — die sogenannte lexikalische Hypothese: Wichtige Persönlichkeitseigenschaften hinterlassen Spuren in der Sprache.
Auf dieser Basis entwickelten Paul Costa und Robert McCrae in den 1980er Jahren das Modell zu dem Standard, das heute in der Psychologie gilt. Ihr NEO-PI-R ist bis heute eines der meistgenutzten Diagnoseinstrumente in Forschung und Praxis. Die Besonderheit: Die fünf Faktoren wurden in Studien mit Menschen aus über 50 Ländern und Sprachräumen bestätigt, das Modell ist also kulturübergreifend valide.
Das „Big Five“-Modell der Persönlichkeit
Nach dem “Big Five”-Modell der Persönlichkeit, auch Fünf-Faktoren-Modell genannt, gibt es fünf Dimensionen, auf der sich die menschliche Persönlichkeit einordnen lässt. Das Bewusstsein über die eigene Persönlichkeitsstruktur kann hilfreich sein, um eigene Gefühle und Reaktionen in verschiedenen Situationen zu reflektieren. Wichtig ist: Die Einordnung der Persönlichkeit, findet nach diesem Modell auf einem Kontinuum statt. Man ist also nicht unbedingt introvertiert oder extrovertiert, sondern Menschen befinden sich oft irgendwo dazwischen.
Personen mit einer hohen Ausprägung in der Dimension Offenheit zeigen sich oft erfinderisch und neugierig. Sie haben in der Regel Freude daran, neue Dinge auszuprobieren, sind innovativ und bevorzugen eine gewisse Abwechslung im Alltag. Personen mit einer niedrigen Ausprägung dagegen handeln eher konservativ und vorsichtig. Sie bevorzugen das bereits Bekannte und Vertraute sowie ein sicheres Umfeld.
Personen, die sehr gewissenhaft sind, handeln in der Regel organisiert, sorgfältig und zuverlässig. Sie können dadurch auch zu einem übermäßigen Perfektionismus neigen. Personen, die eine niedrige Ausprägung in dieser Dimension aufweisen, handeln eher unbekümmert, spontan und manchmal auch nachlässig. Es kommt häufiger vor, dass sie Dinge vergessen oder Flüchtigkeitsfehler machen.
Personen mit einer hohen Ausprägung in der Dimension Extraversion zeigen sich in sozialen Interaktionen gesellig, aktiv und herzlich. Sie gehen auf andere Menschen zu und es gibt ihnen Energie, sich mit vielen Menschen zu umgeben. Introvertierte Personen hingegen gewinnen ihre Energie oft in ruhigen Umgebungen, alleine oder mit wenigen engvertrauten Personen. Das Vorurteil, dass Introvertierte immer schüchtern sind, stimmt so übrigens nicht. Auch extrovertierte Personen können in sozialen Situationen schüchtern sein.
Personen, die sehr verträglich sind, zeigen beispielsweise ein hohes Maß an Selbstlosigkeit und Hilfsbereitschaft. In der Regel sind sie anderen gegenüber empathisch und wohlwollend und zeigen sich z.B. bei der Arbeit kooperativ. Personen, die eine niedrige Ausprägung in dieser Dimension haben, sind tendenziell konfliktbereiter, misstrauischer gegenüber anderen Menschen und wettbewerbsorientiert.
Personen, die eine hohe Ausprägung in der Dimension Neurotizismus haben, sind in der Regel emotionaler und verletzlicher. Oft zeigen sie eine gewisse Ängstlichkeit und manchmal auch Reizbarkeit. Personen mit niedriger Ausprägung in Neurotizismus sind selbstsicher und ruhiger. Sie lassen sich weniger schnell durch externe Ereignisse irritieren und haben auch seltener negative Emotionen.
Wie hilft mir das Wissen über meine Persönlichkeit?
Big Five im Arbeitskontext — was Führungskräfte wissen sollten
Jahrzehntelange Forschung zeigt, dass Persönlichkeitsmerkmale mit beruflichem Erfolg korrelieren. Gewissenhaftigkeit weist dabei die stärkste Korrelation mit Arbeitsleistung auf und das über nahezu alle Berufsfelder hinweg. Extraversion ist besonders relevant für Rollen mit hohem Kommunikationsanteil, etwa im Vertrieb oder in der Führung. Neurotizismus korreliert negativ mit Stressresistenz und ist damit ein relevanter Faktor bei der Einschätzung von Belastbarkeit. Wie bitte? Klingt jetzt erstmal kompliziert, bedeutet aber einfach, wer in dieser Dimension hoch ausgeprägt ist, ist in der Regel weniger stressresistent. Es gibt also einen wichtigen Hinweis, wenn Sie die Belastbarkeit von Mitarbeitenden einschätzen wollen.
Gleichzeitig gilt: Persönlichkeit ist kein Leistungsurteil. Eine introvertierte Mitarbeiterin kann ebenso leistungsstark sein wie eine extrovertierte. Ihre Energiequellen und Arbeitsweisen sind schlicht unterschiedlich. Das Modell ist ein Werkzeug zur Einschätzung, kein Ranking.
Konkret lassen sich aus dem Big Five Modell folgende Ableitungen für die Praxis treffen: Bei der Teamzusammenstellung helfen Kenntnisse über Offenheit und Verträglichkeit: Hochgradig offene Personen treiben Innovationsprozesse voran, während Menschen mit niedrigerer Offenheit Stabilität und verlässliche Umsetzung sichern. Zusammen sind sie also ein perfect Match und ergänzen sich.
In Veränderungsprozessen reagieren Menschen mit höherer Ausprägung in Neurotizismus sensibler auf Unsicherheit. Das bedeutet nicht, dass sie schlechter mit Wandel umgehen — es bedeutet, dass sie mehr Transparenz, Kommunikation und Orientierung benötigen, um ihre Leistung stabil zu halten.
Bei der Führungskräfteentwicklung bietet das Modell einen strukturierten Ausgangspunkt für Selbstreflexion: Welche eigenen Muster beeinflussen meinen Führungsstil? Wo reagiere ich auf Stress mit Rückzug, wo mit Kontrolle?
Wo stehen Sie? Ein kurzer Selbstcheck
Die Frage drängt sich natürlich auf: Wo stehe ich eigentlich in diesem Modell. Eine kleine Orientierung können wir an dieser Stelle geben. Wichtiger Hinweis jedoch: Die folgenden Fragen sind keine validierten Testinstrumente, sondern Impulse zur Reflexion. Sie können sie auch als Gesprächseinstieg in Mitarbeitendengesprächen oder Team-Workshops nutzen.
Offenheit: Suchen Sie aktiv neue Methoden und Perspektiven oder verlassen Sie sich lieber auf Bewährtes? WIe reagieren Sie zum Beispiel, wenn eine Mitarbeiterin einen neuen Onboard-Prozess vorschlägt? Bremsen Sie erstmal, weil der bisherige Prozess ja funktioniert, oder gehen direkt mit rein. Keine Antwort ist besser, beides wird gebraucht. Hohe Offenheit treibt Innovation, niedrige Offenheit sichert Qualität und Stabilität.
Gewissenhaftigkeit: Wie gehen Sie mit Deadlines und Details um? Arbeiten Sie strukturiert und vorausschauend, oder reagieren Sie eher situativ? Menschen mit hoher Gewissenhaftigkeit liefern verlässlich, neigen aber manchmal zu Perfektionismus, der Teams ausbremsen kann, weil z.B. die Datenlage „noch nicht gut genug” ist.
Extraversion: Gewinnen Sie Energie aus dem Austausch mit anderen, oder brauchen Sie Rückzug, um produktiv zu sein? Introvertierte Führungskräfte führen oft reflektierter, extrovertierte mobilisieren schneller. Wie sieht sowas konkret aus? Redet eine Person in Meetings zum Beispiel 80% der Zeit? Das ist keine Dominanz aus Absicht, vielleicht muss sie schlichtweg laut denken und braucht den Austausch, um zu Ergebnissen zu kommen.
Verträglichkeit: Das Team ist harmonisch, alle haben sich lieb, die Welt ist gut – oder? Priorisieren Sie Harmonie im Team oder sind Sie bereit, Konflikte bewusst zuzulassen, wenn es der Sache dient? Hohe Verträglichkeit schafft psychologische Sicherheit, zu hohe kann jedoch notwendige Reibung verhindern.
Neurotizismus: Wie reagieren Sie auf Unsicherheit und Druck? Bleiben Sie ruhig und lösungsorientiert, oder erleben Sie Stress intensiver? Letzteres ist kein Makel, es ist ein Signal, welche Strukturen und Ressourcen Sie und Ihr Team brauchen.
Persönlichkeit im Coaching — wie das Fürstenberg Institut arbeitet
Das Wissen über Persönlichkeit ist wertvoll. Veränderung entsteht aber nicht durch Wissen allein. Im Coaching beim Fürstenberg Institut arbeiten wir mit psychologisch fundierten Modellen — darunter auch das Big Five Modell — als Ausgangspunkt für konkrete Entwicklungsarbeit. Führungskräfte und Mitarbeitende lernen, ihre eigenen Muster zu verstehen, ihre Wirkung auf andere einzuschätzen und gezielt an den Punkten zu arbeiten, die für ihre Rolle relevant sind.
Ob als Einzelcoaching, als Modul in der Führungskräfteentwicklung oder als Workshop-Format für Teams: Persönlichkeit ist bei uns kein Selbstzweck, sondern Ausgangspunkt für wirksame Entwicklung.
Quellen:
Costa, P. T. & McCrae, R. R. (1992). NEO PI-R Professional Manual. Psychological Assessment Resources.
Goldberg, L. R. (1993). The structure of phenotypic personality traits. American Psychologist, 48(1), 26–34.
Zell, E. & Lesick, T. L. (2021). Big Five personality traits and performance: A quantitative synthesis. Journal of Research in Personality.
Christensen, A. P. et al. (2025). Taxonomic Graph Analysis erweitert das Big Five Modell. Vanderbilt University





